Tango-Gala-Show - TANGUSTO

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Fulminant und furios

Anmutige und witzige Tangogala zum siebzigsten Geburtstag von Augusto Salvo González – vom Geburtstagskind selbst als schillernder Reigen mit heiterer Gelassenheit inszeniert und dargestellt

Selbstironie fällt dem spröden Spreeathener schwer. Zum Ausgleich studiert er mit hingebungsvollem Eifer Ertüchtigungsprogramme wie Tai-Chi oder Tango – nicht nur der zauberhaften Weltkenntnis wegen, sondern weil deren Prinzip Lebensbewältigung durch Weichheit in der Bewegung verspricht. Darf dazu gelacht werden, sind Auflockerung und Entspannung verbürgt.

So war der gutbesetzte Theatersaal der UFA-Fabrik anlässlich der Tango-Gala, zu der Augusto Salvo González - Veni, vidi, ballo Tango - handverlesene Gäste (inklusive der Lieblingskusine aus dem fernen Chile) eingeladen hatte, von prickelnder Spannung erfüllt.

Und dass der trompetende Putto auf den handbeschriebenen Einladungskarten nicht zu viel versprochen hatte, wurde schon bei den ersten Klängen des eigens für diesen Abend zusammengestellten Orchesters klar: Unter der Leitung des Bandeonisten und Arrangeurs Korey Ireland stimmten die Flötistin Kathrin Gandera-Schumann, die Pianisten Natalija Nikolayeva und Jorge Idelsohn, die Violinisten Friedemann Uschner und Hartmut Veit, der Cellist Detlef von Daniels und der Kontrabassist Tobi Johov mit Café Dominguez von D’Agostino das Publikum auf … den Tango ein… oder etwa nicht?

Das Ensemble stimmt Vivaldi an. Ein perückenbezopfter Herr in barockem Gehröckchen und Schleifenschuhen betritt die Bühne und verneigt sich zum  Orchester. Er bittet artig eine Dame zu sich, beide begrüßen äußerst distinguiert erst sich, darauf das Publikum.

Und tanzen dann – zart angeleitet von Flöte und Klavier - zum Air in D-Dur aus der 3. Suite von Johann Sebastian Bach … Tango, anschließend zur Badinerie aus der Suite Nr. 2 des selben Komponisten eine Milonga.

Die Tänzerin und Tangolehrerin Elena Schmidt erinnert mit unterkühlter Schmelze an die Schauspielerin Barbra Streisand, und Augusto an einen Rokoko-Raymond von Dustin Hoffmann; trotz der höfischen Eleganz wirkt die Darstellung sehr berührend.

Ein Vals von De Gullo – Tränen und Schmunzeln leitet die Zeitreise über in die Jahre des frühen Tango - die der Milonga con cortes y quebradas.

Dafür hat sich Augusto in einen mondänen Wochenend-Vagabunden verwandelt; mit seiner Tanzpartnerin, der komödiantischen Komponistin Renate Hahn, evoziert er die Anfänge des Tango Canyengue – schwebende Momente zu Musik von Tuegols und Canaro – Zorro gris, die an die gesellige Ära der Stummfilmzeit erinnern.

Mitleid bekommt man geschenkt, Neid muss man sich verdienen.

Nun kommt der düsterste Moment des ganzen Abends: Im mönchischen Bademantel schleppt sich ein alter Mann mit einem Rollator auf die Bühne. Kenner denken da sofort an ein chilenisches Sprichwort „Va el camino a la montaña, tomar un burro viejo! A lo mejor te ayuda, pero conoce el camino! Führt der Pfad über die Berge, nimm einen alten Esel! Vielleicht trägt er dich nicht, aber er kennt den Weg!“.

Die Situation scheint auch die Moderatorin Lola Bolze nur kurz zu irritieren: Schon naht eine Krankenschwester mit rettender Pferdespritze - der Mann entpuppt sich als der gealterte Augusto - damit wird er wieder fit für seine zeitgenössische Tangopräsentation gemacht.

Die geht er mit der Verve des routinierten Führenden und seiner grazilen Tanzpartnerin Moni Schmid zu der Musik von Gobbi – La Viruta und Fresedo an.

- Als Jüngling durfte ich seinerzeit im Caveau de la Huchette, dem ersten Jazzkeller Europas, fasziniert die tänzerische Souveränität älterer Herren und die Wandlungsfähigkeit, mit der sie sich auf ihre verschiedenen Tanzpartnerinnen einstellen konnten, bewundern. – Chapeau, Augusto!

Umso mehr, als sich der Jubilar auch seit Jahren ehrenamtlich als Tangolehrer für Blinde engagiert. Und so steht als Höhepunkt vor der Pause ein „Blind Date“ mit der als junge Erwachsene erblindeten Kunststudentin Ugne Metzner auf dem Programm.

Schön wie eine Blume steht sie auf der Bühne und erwartet ihren Tanzpartner. Doch da ist sie ist bereits an ihm, der mit verbundenen Augen auf sie wartete, vorbei gelaufen. Einer der unfreiwillig komischen Momente des Abends. Ergreifend dann, wie die beiden mit schlichter Eleganz zu der Musik von Biagi und Ventura tanzen – und auf einmal wirkt Augusto doch sehr fragil im Versuch, sich in die Welt Ugnes hinein zu versetzen. Ugne erweckt sogar den Eindruck einer „Felsin“ in der Brandung.

Tanz sei Esperanto mit dem ganzen Körper, hat Fred Astaire einmal gesagt.

Den Auftakt nach der Pause bildet die Moderatorin und Künstlerin Lola Bolze, die bisher mit dem kecken Charme einer Vaudeville- Soubrette durch das Programm führte und nun mit einer beachtlichen Gesangseinlage – der Garganta con arena von Castaña - brilliert.

Zwischenzeitlich hat sich Augusto in einen sporenbewehrten Huaso (chilenischen Cowboy) verwandelt. Für die musikalische Reminiszenz an seine Heimat konnte er die Gruppe Chile Nuevo gewinnen, die das Publikum mit temperamentvollem Schwung sofort für sich einnimmt. Augusto tanzt hingebungsvoll mit den in chilenische Tracht gewandeten Tänzerinnen Daniela und Pia, die vier Musiker geben alles, und so wird die folkloristische Performance mit begeistertem Applaus honoriert.

Nach einem orchestralen Tango von Demare hat Augusto die Sporen gegen Schwimmflossen eingetauscht und beweist in einer Beckett‘schen Slapsticknummer mit seinem Tanzpartner, dem Dichter Wilfried Hahn, dass auch Männer tangonal miteinander balzen können. Ob es dazu halsbrecherischen Schuhwerks bedarf, sei dahingestellt, gekonnt wirkt es aber allemal.

Abgerundet wird die gelungene Revue mit intensiven, zartbitter dargebotenen Momenten aus einem Tango-Tanzcafé, wie in Melodia de Nuestros Adios von Di Cicco, im Vals von Biagi und den Tangos von Mores und Troilo – beherrschter Ausdruck und tänzerische Melancholie in wunderschönen Momenten mit der Tangolehrerin und DJane Ilana Tschernacher - und eines kurz im Augenblick kreiselnden Solos von Augusto.

Achtzig Jahre seien gefühlt dreihundertsechzig, meinte Hartmut Lange.

Niemand kann dir die Tänze nehmen, die du schon getanzt hast, schrieb Gabriel Garcia Marquez.
Tu, was du willst und stehe dazu, denn dieses Leben, das lebst nur du, zitiert Augusto.

Dafür steht auch die überaus gelungene Inszenierung, zu der der Jubilar nicht nur die Idee hatte, sondern sich auch die Choreografie und Ausstattung ausdachte. – Ach, ich vergaß den exzellenten Hauptdarsteller und die Facetten seiner mimischen und tänzerischen Wandelbarkeit - Augusto hat für jede Nummer nicht nur eine neue Garderobe gewählt, sondern sich auch jedes mal eine andere, passende Persönlichkeit zugelegt.

Seine schauspielerischen Talente habe er seiner Meinung nach, sagt Augusto, von seiner Tochter, der bekannten Schauspielerin Ellenie Salvo González geerbt. Ellenie – als Hauptdarstellerin unter anderem aus TV-Serien wie „Marthaler“ oder „Sekretärinnen“ bekannt, konnte die Gala wegen eines Engagements für eine Episode des „Traumschiffes“ zwischen Mauritius und Kapstadt leider nicht live erleben – ein Glück, dass es davon ein Video gibt.

Was für eine Bescherung, dieser Abend – dafür ein schwungvolles Dankeschön (auch an die vielen anonym gebliebenen Personen, die im Hintergrund zum Erfolg dieser Gala beigetragen haben und an die Chilenische Botschaft für ihre Unterstützung)!

So, nun aber genug gelobt – wir warten auf eine Wiederholung … oder etwa schon ein neues Projekt? – Auf die Frage, was er denn als nächstes vorhabe, gibt sich der Meister eher zugeknöpft: „Das bleibt erstmal mein Geheimnis. Vielleicht tanze ich die Mendelschen Regeln … oder die Relativitätstheorie?“
Was und wie auch immer – wir freuen uns schon darauf - weiter so, Glück und Gesundheit, lieber Augusto!
Stefan Müser

Weitere Komentare im  www.tango-gala.de  


 
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